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5 Frauen und 1 Mann

Ich steige aus der U-Bahn aus.

Meine Kopfhörer, meine treuen Begleiter, verhelfen mir dabei – wie so oft – die oft anstrengende Umwelt in den Öffis auszublenden.

Meine Hintergrundmusik passte so rein gar nicht zu dem Film, der sich sogleich vor mir Richtung U-Bahn-Ausgang abspielte.

Ein Mann, Anfang 30, geht auf eine Frau mehrmals zu um sie dabei an den Haaren zu packen und Richtung Boden zu werfen. Begleitet und beschützt wird sie von ihrer vermutlichen Freundin, die aber auch nicht mehr machen konnte als sie so schnell wie möglich von ihm wegzubringen.

Und ich, auf einmal mittendrin, sehe nun Bilder, die man in der Öffentlichkeit normalerweise nicht sieht.

Ein Teil von mir dachte tatsächlich mich besser nicht einzumischen, „der hört wahrscheinlich gleich auf”.

Aber zu ungut wurde die Situation, als dass ich einfach vorbeigehen könnte.

Er näherte und packte sie immer wieder, während ich versuchte durch meine Anwesenheit und mein irgendwie „dazwischenstellen“, den Mann auf sein Verhalten in öffentlichen Raum bewusst zu machen, in der überzeugten Hoffnung, dass er nun aufhören würde.

Keine Chance.

Er war nur so von Aggression und Wut besessen und jeden Impuls diese Emotionen auszutragen, folgte er auf der Stelle.

Ich und ihre Freundin gingen schnell ganz dicht neben ihr die Treppen hoch, als er von vorne kam und uns den Weg versperrte.

Nun stand er direkt vor ihr und als er sie wieder packen wollte, hab ich instinktiv meine Hand dazwischengestreckt – was ihn überhaupt nicht gepasst hat.

Denn plötzlich packt er mich an meiner Jeansjacke und drückt mich zweimal – dafür, dass ich eine für ihn komplett fremde Person bin (und Frau) – ziemlich stark zur Seite mit den Worten, „halt dich da raus, das geht dich nichts an!“.

Das das ganze auf den Stiegen stattfand, fand ich auch weniger lustig, denn beim nächsten Versuch zu dritt weiterzukommen, hatte er sie wieder an den Haaren erwischt und mit Wucht Richtung Wand „geschmissen“.

Was mich fast genauso schockiert, wie diese Szene die sich da abgespielt hat, war der Fakt, dass KEIN einziger(!) Mann zur Hilfe gekommen ist, geschweige auch nur stehen geblieben ist um nachzufragen. Es waren alles nur Frauen. Drei junge Mädels haben dies ebenfalls beobachtet und oben beim Ausgang mit uns auf die Polizei gewartet. Zwei weitere vorbeigehende Damen haben nachgefragt und Hilfe angeboten.

Die Situation hat sich beim Warten auf die Polizei, zumindest was das handgreifliche betrifft, etwas beruhigt. Dennoch versuchte er immer zu ihr durchzukommen, sobald er sich von ihr provoziert gefühlt hat.

Da die Polizei auch nach erneuten Anruf nach 30(!) Minuten noch immer nicht erschien, haben wir uns zu Fuß zur nächsten Polizeistation begeben.

Zeugenaussage, hundert Unterschriften und gelangweilte junge Polizeibeamten erwarteten uns dort, die erst mal verstummt waren, als ich mit beschämender Miene gesagt habe, dass wir soeben eine halbe Stunde auf jemanden wie euch, nur 8 Minuten von hier, gewartet haben..

Es gibt so einige Dinge über die ich mich nach dieser ganzen Aktion wunderte und fragte …

Wenn ich von einem Mann in der Öffentlichkeit angegriffen werde und Menschen dies beobachten, ist es für mich selbstverständlich, dass jemand zur Hilfe kommt. Das Bild von „5 Frauen gegen einen Mann“, während andere Männer vorbeigehen ist etwas verstörend in meinen Augen.

Ich fragte mich die ganze Zeit.. woran liegt das, dass kein einziger Mann geholfen hat? Habt ihr Schiss? Schiss vor einer Auseinandersetzung mit einem anderen Mann, in der ihr vielleicht den Kürzeren zieht?

Ich verstehe, dass in so einer Situation Mann gegen Mann oft brenzliger enden kann, als wenn sich eine Frau dazwischen stellt. Aber ist es deshalb schlauer, nichts zu tun? Man(n) wird doch wohl so viel Menschenkenntnis und Reife besitzen, um so auf den „Täter“ einzugehen, dass dieser sich beruhigt oder zumindest nicht mehr handgreiflich wird.

Körperliche Gewalt überschreitet Grenzen, die man nicht ignorieren darf und wenn man diesen vor Augen steht, ist es einem jedem seine Aufgabe, so gut es die Situation erlaubt, einzugreifen – und sei es „nur“ Hilfe zu holen.



Warum ist es oft so schwierig anderen in der Öffentlichkeit Hilfestellung zu leisten? – mögen sie noch so klein sein.

Denn ich kenne es auch von mir … ein Bettler oder Betrunkener liegt auf der Bank in der U-Bahnstation und niemand hat das Bedürfnis nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist.

Fast jeder fragt sich, warum soll ich die „Lage checken“, wenn 100 andere einfach vorbeigehen?

Denn es ist tatsächlich so: Je mehr Menschen herumstehen, desto weniger besteht Hilfsbereitschaft. Die Verantwortung teilt sich auf alle herumstehenden Menschen auf und resultiert somit in null Aktion.

Solche Situationen erfordern Mut und ein „aus der Komfortzone heraustreten“, denn man steht irgendwie alleine da.. und weiß nicht, in was man sich womöglich begibt.

Und warum fällt es uns so leicht, an einem nach Geld fragenden Obdachlosen ohne große Worte und sogar genervten Blick vorbeizugehen?

Wir wachsen als Kind bereits mit Bildern von hungernden Menschen und Ermordungen jeglicher Art auf. Amokläufe in Schulen sind mittlerweile gang und gebe, das Thema Klimawandel kann man schon nicht mehr hören und die 2 Vergewaltigungen auf dem Festival sind doch „üblich“.

Wir werden über die Jahre durch die Medien mehr und mehr desensibilisiert – ohne es zu merken und bis zu dem Grad, wo Grausamkeit in der Welt an uns vorbei geht und nicht mehr mit uns macht, als ein gezwungenes Bedrückt-sein. Denn so sollte man sich auch fühlen, richtig?

Ja, richtig.

Aber wir tun es nicht. Es ist normal geworden.

So normal wie es für uns ist, Menschen im Winter am Gehsteig schlafen zu sehen, so normal ist es in Indien ein kleines Kind mit einem Bein alleine durch die Straße laufend und nach Geld bettelnd zu sehen.

Wir Menschen sind grandiose Adaptionswesen. Was uns schon sehr weit gebracht hat, hat uns aber gleichzeitig auch zu emotionslosen Maschinen gemacht, deren eigene Machtposition wichtiger ist, als das Wohl ihres Gegenübers.

Vielleicht sollten wir wieder anfangen, Menschen um uns herum, als Menschen zu sehen, wie blöd und selbstverständlich das auch klingen mag.
Denn schlussendlich sitzen wir alle im selben Boot.

Das nächste Mal wenn wir ein Hindernis aka Angst verspüren jemanden zu helfen, oder einfach nur anzusprechen oder gar anzulächeln … erinnern wir uns an eines:

„Ein Fremder ist ein Freund den wir noch nicht kennen.”


Außer Männer die Frauen schlagen – die bleiben einfach nur Menschen.

Aber ihr wisst was ich meine.

2 thoughts on “5 Frauen und 1 Mann”

  1. Das hast du super geschrieben, wie könnte man diesen Artikel mehr publik machen, damit den Leuten ein bisschen bewusster wird, wie es mit unserer Gesellschaft bestellt. Vor allem den Mut den du bei dieser Szene an den Mann gestellt hast, ist absolut Beispielgebend für uns alle. Dein Papa

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